Kristin Kempe

Zur ewigen Erinnerung

 an meine Tochter

Projekt2

26.02.1985 – 06.09.2005

Kristin und Vati in Braunschweig. Die ersten Tage in der neuen Umgebung.

Das war das letzte Foto, das von Kristin gemacht wurde.

Im August 2005.

Wer es gemacht hat und wo es gemacht wurde, weiß ich selber nicht.

Im August 2002 war es nun soweit  -  wir hatten die Wohnung für Kristin gemietet und mit ihr zusammen schön hergerichtet. Besucht haben wir sie auch oft. Da Eberhard arbeitete und ich zu Hause war, war ich auch oft allein in Braunschweig bei ihr.

 

Ab September 2002 fing sie dann in Braunschweig in einem Krankenhaus ihre Ausbildung als Krankenschwester an. Alles lief prima und nun konnte so gut wie nichts mehr schief gehen. Das dachten wir jedenfalls.

 

Fast jedes Wochenende kam sie dann nach Hause. Wir fehlten ihr, das merkte man. Kristin war, wie bereits erwähnt, schon als Baby und Kleinkind sehr anhänglich.  Für mich war es deshalb nicht ungewöhnlich, dass sie also noch mit 19 Jahren ab und zu in mein Bett kam und kuscheln wollte. Sie hatte Sehnsucht. In Braunschweig war sie ganz allein, also holte sie sich an den Wochenenden zu Hause ihre „Schmuseeinheiten“.

 

Wir haben eigentlich so gut wie jeden Abend miteinander telefoniert. Aus diesem Grund habe ich ihr zu ihrem Computer ein Modem gekauft, damit wir auch über‘s Internet kommunizieren konnten. Auch wollte ich, dass Kristin durch das Internet andere Menschen kennen lernt, aus der Nähe, mit denen sie sich hätte treffen können. Schließlich ist es in einer fremden Gegend manchmal schwer Anschluss zu finden.

 

Gesagt, getan. Krissi chatete ab sofort kreuz und quer durch‘s Internet. Sie lernte auch schnell jemanden kennen. Dass sich dieser Jemand dann als kriminell entpuppte, konnte sie durchs Internet vorher auch nicht sehen. In ihren Augen war er charmant, nett und alles eben wo Mädchen in ihrem Alter drauf herein fallen. Er war ca. 15 Jahre älter als Kristin, ausländischer Mitbürger und arbeitslos. Er hatte sie ab sofort komplett in der Hand. Er wusste was er zu tun hatte, das war klar  -  Mädchen wie Krissi zu den Drogen zu bringen und damit Geld verdienen. Das war im Dezember 2003.

 

Nähere Einzelheiten über die Zeit mit diesem Typen weiß ich leider selber nicht. Krissi war auf einen Schlag anders. Redete kaum noch über Probleme oder über‘s Alleinsein in Braunschweig. Sie wirkte irgendwie verschlossen. Später fanden wir heraus, dass er bereits bei ihr wohnte. Und nicht nur das, er verprasste ihr komplettes Erspartes und ihren Lohn, den sie ja nun verdiente.

 

Das Ganze ging ca. ein halbes Jahr. Als dann die Kriminalpolizei bei uns vor der Tür stand und ihr Vermieter ihr die Wohnung in Braunschweig kündigte, kam sie dann endlich mit der Sprache heraus. Ihr wurde sofort der Führerschein entzogen, da sie mit Heroin und Kokain in Berührung gekommen war. Für uns war das zu diesem Zeitpunkt ein gewaltiger Schlag. Das konnte doch nicht sein, mein kleines Mädchen, die sich niemals hat etwas zu Schulden kommen lassen.

 

Die Einsamkeit hat sie schließlich in diese Enge getrieben. Wir wollten nur das Beste für Krissi und haben mit unserer Entscheidung sie weg zu schicken, nur das Schlimmste erreicht.

 

Irgendwann einmal erzählte sie uns, dass sie diesem Typen nur helfen wollte von den Drogen wegzukommen. Dabei bemerkte sie nicht wie sie selbst herunter gezogen wurde. Dieser Mann hing seit seinem 14. Lebensjahr an der Nadel und wollte überhaupt keine Hilfe.

 

Also haben wir sie unterstützt ohne zu wissen, was eigentlich wirklich passiert war. Sie hatte einen kalten Entzug gemacht und wir dachten alles wäre erstmal wieder in Ordnung. Ihre Ausbildung hat sie abgebrochen und wir holten sie dann 2004 wieder nach Hause. Kristin schien wieder glücklich zu sein.

 

Wir suchten ihr hier einen neuen Job. Es war vergebens, immer wieder hat sie es bereut, was damals geschehen war.  Sie sagte zu mir: „Mama, ich werde nie wieder einen Job bekommen. Mit den Drogen habe ich mir alles kaputt gemacht. Das wird mir ewig nachhängen.“ Wir wären fast verzweifelt. Auf dem Arbeitsamt haben wir dann doch noch gute Erfahrungen machen können und stellten fest, dass es auch noch Menschen gab mit Herz. Frau Möllmann hieß die gute Frau, die auf eigene Verantwortung Kristin helfen wollte und auch geholfen hat.

 

So kam es, dass sie eine neue Ausbildung als Hotelfachangestellte in Eisleben bei der „INNOVA“ beginnen konnte. Danach nahm das Schicksal seinen Lauf.

 

Sie lernte neue Freunde kennen und war überglücklich wieder einen Job bekommen zu haben. Allerdings war unter ihren neuen Freunden wieder ein Mensch, dem sie helfen wollte.

 

Dieser Mensch, der später ihr Partner oder Freund werden sollte, war wiederum drogenabhängig. Da sie selbst ihre Erfahrungen gemacht hat, wollte sie ihm den rechten Weg weisen. Anfangs hat auch alles gut geklappt. Dann flog dieser Freund bei der „INNOVA“ raus. Wieder einmal wegen Drogenmissbrauchs. Ich befürchtete das Schlimmste und hatte deshalb  ab und zu Streit mit Kristin. Sie sollte nicht noch einmal so abrutschen wie in Braunschweig.

 

Es kam wie es kommen musste, nach unseren Streitigkeiten ging Krissi entgültig fort. Sie zog nach Benndorf zu ihrem Freund  - das war am 24. Mai 2005. Unser Verhältnis besserte sich dann aber wieder und wir trafen uns regelmäßig. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie Drogen nahm, absolut nicht.

 

Sie fing an, hin und wieder bei Arbeit zu bummeln. Ich nahm sie mir zur Brust und wir redeten darüber. Danach funktionierte es wieder, ich war mir zumindest sicher, dass es so war. So ging es ein knappes viertel Jahr gut.

 

Bis zum 6. September 2005. Am Sonntag zuvor telefonierten wir nochmals miteinander. Ich hatte Bücher für sie, die ich ihr bringen wollte. Aber an diesem Sonntag ging es ihr wohl nicht besonders gut und wir verabredeten uns für den Dienstag. Ich machte mir keine Sorgen, denn sie verabschiedete sich mit den Worten: „Mach‘s gut Mama bis Dienstag, ich freue mich schon auf dich. Ich hab dich ganz doll lieb.“ Das waren die letzten Worte die ich von meiner Tochter hörte.

 

Wie verabredet wartete ich an jenem Dienstag, den 6. September 2005  - aber leider vergebens. Kristin kam nicht. Ich dachte mir, es ist bestimmt etwas dazwischen gekommen bei ihr, sie wird sich melden. Dann fuhr ich meiner Wege. Am Abend erwartete mich Eberhard bei mir zu Hause schon mit einem ziemlich schlechten Gesichtsausdruck. Der Anrufbeantworter blinkte und ich freute mich, dachte es wäre Krissi. Es war die Notärztin, die vergeblich versucht hatte Kristins junges Leben zu retten.

 

An jenem Abend fuhren Eberhard und ich ins Krankenhaus, dann zur Polizei und schließlich zum Leichenschauhaus  - Wir sagten Krissi ein letztes Mal: „Lebe wohl!“

 

Am 6. September 2005 zwischen 16.00 und 17.00 Uhr kämpfte mein kleines Mädchen um Leben und Tod. Der Tod siegte und Kristin schloss um 17.15 Uhr für immer ihre wunderschönen Augen.

 

Anhand einiger Aussagen hatte Kristin ca. 14 Tage vor ihrem Tod wieder mit den Drogen angefangen. Aber an ihrem Körper wurden lt. Notärztin keine Einstichstellen gefunden. Was wirklich an diesem Tag passierte werden wir wohl nie erfahren. Auf die Aussagen ihres Freundes, der ihren Todeskampf miterlebt haben soll, kann man sich nicht stützten.

 

Sie wusste wohl was sie tat, sie war alt genug Entscheidungen, die ihr Leben betrafen, selbst zu treffen. Unsere vielen offenen Fragen kann sie nun nicht mehr beantworten. Was geschah und warum es geschah wird ihr Geheimnis bleiben. Sie nahm die Antworten mit in den Himmel.